Intravenöse Immunglobuline
Viele Paare in Deutschland, die sich ein Kind wünschen, entscheiden sich für eine In-vitro-Fertilisation (IVF). Wenn jedoch trotz mehrfacher Versuche keine Schwangerschaft eintritt, wächst der Wunsch, mögliche Ursachen zu verstehen und neue Therapieansätze zu prüfen. Einer dieser Ansätze ist die Gabe von intravenösen Immunglobulinen (IVIG) – einer Immuntherapie, die in der Reproduktionsmedizin zunehmend diskutiert wird.
Doch was genau steckt dahinter, wie könnte IVIG wirken, und was sagen wissenschaftliche Studien über den Nutzen bei IVF-Behandlungen?
Was sind IVIG?
IVIG steht für intravenöse Immunglobuline. Dabei handelt es sich um konzentrierte Antikörper (meist vom Typ IgG), die aus dem Blutplasma gesunder Spender gewonnen werden. Sie werden intravenös verabreicht, um das Immunsystem zu stabilisieren, zu regulieren oder bestimmte Entzündungsprozesse zu dämpfen.
In der Medizin wird IVIG seit Jahrzehnten bei Immunerkrankungen, Autoimmunprozessen oder Entzündungszuständen eingesetzt. In der Reproduktionsmedizin wird es jedoch als sogenannte „immunmodulatorische Zusatztherapie“ in besonderen Fällen erwogen – etwa bei wiederholtem Implantationsversagen oder wiederholten Fehlgeburten.
Warum werden IVIG bei der IVF eingesetzt?
Der Gedanke hinter dieser Therapie ist, dass bei einigen Frauen immunologische Faktoren eine Rolle bei der Einnistung des Embryos spielen könnten.
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Manche Patientinnen weisen eine erhöhte Aktivität natürlicher Killerzellen (NK-Zellen) auf.
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Auch Autoantikörper können eine übermäßige Immunreaktion gegen den Embryo auslösen.
IVIG sollen helfen, solche überaktiven Immunreaktionen zu regulieren. Sie können die Aktivität bestimmter Zellen bremsen, entzündliche Zytokine reduzieren und so ein „freundlicheres“ immunologisches Umfeld für die Einnistung schaffen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse
Die Forschung zu IVIG in der Reproduktionsmedizin ist umfangreich, aber noch nicht eindeutig. Es gibt sowohl Studien mit positiven Ergebnissen als auch Untersuchungen, die keinen klaren Nutzen zeigen.
Studien mit positiven Ergebnissen
Einige Beobachtungsstudien und kleinere randomisierte Untersuchungen zeigen, dass die Anwendung von IVIG bei Frauen mit immunologischen Auffälligkeiten zu höheren Implantationsraten und Lebendgeburtenraten führen kann. Besonders bei Patientinnen mit wiederholtem Implantationsversagen scheinen IVIG in bestimmten Fällen die Einnistung zu verbessern.
Studien mit unklarem Nutzen
Andere Arbeiten konnten keinen statistisch signifikanten Vorteil nachweisen. Teilweise ist die Qualität dieser Studien durch kleine Fallzahlen oder uneinheitliche Patientengruppen eingeschränkt. Deshalb sehen viele Fachgesellschaften IVIG derzeit noch nicht als Standardtherapie bei IVF an, sondern als experimentellen Ansatz für ausgewählte Fälle.
Chancen und Grenzen der IVIG-Therapie
Chancen:
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IVIG können bei Patientinnen mit wiederholten Fehlgeburten oder Implantationsversagen Hoffnung geben, wenn immunologische Ursachen vermutet werden.
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Die Behandlung ist in erfahrenen Zentren gut kontrollierbar.
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Manche Patientinnen berichten von verbesserten Einnistungsergebnissen nach IVIG-Gabe.
Grenzen:
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Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig bewiesen.
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IVIG sind kostenintensiv und werden nicht immer von Krankenkassen übernommen.
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Mögliche Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, leichte Fieberreaktionen oder selten allergische Reaktionen können auftreten.
Ablauf einer möglichen IVIG-Therapie
Der genaue Ablauf hängt vom Zentrum ab, aber in der Regel gilt:
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Individuelle Entscheidung – Bei auffälligen Ergebnissen kann die Ärztin oder der Arzt eine IVIG-Therapie vorschlagen.
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Infusionsbehandlung – IVIG wird über eine Infusion verabreicht, meist einige Tage vor dem Embryotransfer oder kurz danach.
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Kontrolle und Verlauf – Während und nach der Behandlung werden Blutwerte und klinische Symptome überwacht.
Es handelt sich hierbei nicht um eine Routinebehandlung, sondern um eine gezielte Zusatzoption, die immer individuell abgewogen werden sollte.
Wann könnte IVIG in Betracht gezogen werden?
Eine IVIG-Therapie kann in bestimmten Situationen erwogen werden, zum Beispiel:
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bei wiederholtem Implantationsversagen trotz guter Embryonenqualität,
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bei wiederholten Fehlgeburten unklarer Ursache,
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bei auffälligen immunologischen Befunden,
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wenn andere Behandlungsstrategien (z. B. Kortison oder Intralipid-Infusionen) nicht erfolgreich waren.
Wichtig ist, dass diese Entscheidung immer individuell und in Absprache mit dem behandelnden Fertilitätszentrum getroffen wird.
Aktuelle Forschung und Zukunftsperspektiven
In Deutschland und international wird derzeit intensiv daran geforscht, welche Untergruppen von Patientinnen tatsächlich von IVIG profitieren könnten. Moderne immunologische Testverfahren und gezielte Behandlungsstrategien könnten künftig helfen, die Therapie präziser einzusetzen.
Ziel der Forschung ist es, personalisierte Behandlungsmodelle zu entwickeln, bei denen das Immunsystem optimal auf eine Schwangerschaft vorbereitet wird – ohne unnötige Belastung oder Übertherapie.
Die Anwendung von intravenösen Immunglobulinen (IVIG) in der IVF-Behandlung bleibt ein spannendes, aber noch kontroverses Thema.
Es gibt Hinweise auf einen möglichen Nutzen bei immunologisch auffälligen Patientinnen, jedoch fehlt bislang ein einheitlicher wissenschaftlicher Konsens.
Für Paare mit wiederholtem Implantationsversagen oder Fehlgeburten kann IVIG eine Überlegung wert sein – vorausgesetzt, es besteht eine klare medizinische Indikation und die Behandlung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Reproduktionsmediziner.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu IVIG und IVF-Behandlung
1. Was sind intravenöse Immunglobuline (IVIG)?
IVIG sind konzentrierte Antikörper, die aus dem Blutplasma gesunder Spender gewonnen werden. Sie werden intravenös verabreicht und können bestimmte Immunreaktionen regulieren.
2. Warum werden IVIG in der IVF-Behandlung eingesetzt?
Bei einigen Frauen mit wiederholtem Implantationsversagen oder Fehlgeburten wird vermutet, dass das Immunsystem eine zu starke Reaktion gegen den Embryo zeigt. IVIG könnten helfen, diese Reaktion zu dämpfen und die Einnistung zu unterstützen.
3. Ist die Wirkung von IVIG bei IVF wissenschaftlich bewiesen?
Bislang ist der Nutzen von IVIG in der IVF noch nicht eindeutig belegt. Einige Studien zeigen positive Ergebnisse, andere keinen klaren Effekt. Fachgesellschaften empfehlen IVIG aktuell nur in ausgewählten Fällen und unter ärztlicher Aufsicht.
4. Wann kann eine IVIG-Therapie in Betracht gezogen werden?
Eine IVIG-Therapie kann in Erwägung gezogen werden, wenn trotz wiederholter IVF-Versuche keine Schwangerschaft eintritt und immunologische Auffälligkeiten festgestellt wurden. Die Entscheidung sollte immer individuell mit einem Facharzt getroffen werden.
5. Welche Risiken oder Nebenwirkungen gibt es bei IVIG?
Wie bei jeder Infusion können leichte Nebenwirkungen auftreten, zum Beispiel Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Fieber. Schwere Reaktionen sind selten. Die Behandlung sollte in einem erfahrenen Zentrum erfolgen.
6. Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für IVIG?
In Deutschland übernehmen gesetzliche Krankenkassen die IVIG-Behandlung bei Kinderwunsch in der Regel nicht. Bei privaten Versicherungen hängt die Kostenübernahme vom individuellen Vertrag ab.
7. Wie läuft eine IVIG-Behandlung ab?
IVIG wird über eine Infusion verabreicht, meist vor oder nach dem Embryotransfer. Der genaue Zeitpunkt hängt vom individuellen Behandlungsplan und den Laborbefunden ab.
8. Erhöhen IVIG die Chancen auf eine Schwangerschaft?
Manche Studien deuten auf höhere Schwangerschafts- und Geburtenraten bei bestimmten Patientengruppen hin. Eine allgemeine Empfehlung für alle IVF-Patientinnen gibt es derzeit aber nicht.







